Das Mirakel des Hauses Brandenburg

Als sich Friedrich nach Ötscher begab, raffte er sich zusammen und erteilte noch eine wichtige Anordnung. Er befahl die Oderbrücken zu besetzen, um den Strom der Flüchtlinge abzuhalten und ihn etwas ordnen zu können. Dann übergab er das Kommando an General Fink und stellte dabei fest, er selbst sei aktuell nicht im Stande, das Heer zu führen. Er zeichnete zugleich kurz und in sehr dunklen Farben die strategische Lage, verlangte aber von Fink, dass er trotzdem Laudon angreift, falls dieser einen Marsch nach Berlin wagen sollte.

 

 

Am gleichen Abend herrschte im Hauptquartier der Verbündeten Euphorie. Wenn Laudon hoffte, dass es ihm endlich gelingt die Russen zu aktiven Handlungen zu bewegen, die den erreichten Erfolg erweitern und untermauern könnten, dann irrte er sich. Am nächsten Tag feierte man den Sieg, außerdem musste die siegreiche Armee einen Teil ihres Lagers auf einen mehr hygienischen Platz verlegen. Die Gefallenen wurden beigesetzt, die preußischen und russischen Verwundeten gesammelt und nach Posen gebracht.

 

 

Die geschlagene preußische Armee sammelte sich inzwischen im Tal vor den Oderübergängen. Die Offiziere und Adjutanten des Königs sammelten die Soldaten zu größeren Gruppen, führten sie wieder auf die Anhöhen von Ötscher und formierten sie nach Möglichkeit zu geschlossenen Einheiten. Die Absperrung von Brücken und die Verzögerung des Überganges durch den Fluss hatte sich ausgezahlt – bis zum Mittag des 13. August konnten ungefähr 12 Tsd. Soldaten gesammelt und geordnet werden. Am Nachmittag setzte die Armee über die Oder, unmittelbar darauf wurden die Brücken abgebrochen. Der König mit General Fink nahm das Quartier im Schloss Reitwein und die Armee besetzte das Lager auf dem von Natur aus die Verteidigung begünstigenden Reitweiner Sporn, zwischen dieser Höhe und Podelzig, dessen südlicher Rand auch befestigt wurde. Darüber hinaus schüttete man eine selbstständige Redoute beim benachbarten Wuhden auf. Die vor der Schlacht detachierten Einheiten wurden herangezogen, der Armee schlossen sich auch schrittweise die verspäteten Soldaten an, die auf eigene Faust über die Oder gesetzt hatten – ihre zahlenmäßige Stärke wuchs binnen weniger Tage auf über 20 Tsd. Mann. Außer hohen Menschen-, Ehren- (26 Fahnen und 2 Standarten) und materiellen Verlusten (u.a. fast die gesamte Artillerie – insgesamt 172 Geschütze) beeinflussten den Zustand der Armee auch die moralischen Konsequenzen der erschütternden und sehr blutigen Niederlage – von ihrer Verwendung zum Kampf im offenen Felde konnte zunächst keine Rede sein.

 

Am 15 August ließen sich die Russen endlich von Laudon zu aktiven Handlungen bewegen, gingen über die Oder und besetzten ein neues Lager auf dem westlichen Flussufer, mit Lossow vor der Front und dem Tal im Rücken. Laudon lagerte an ihrem rechten Flügel mit der Front gegen Norden, sein linker Flügel reichte fast bis Markendorf. Im russischen Lager erschienen die Gesandten der zur antipreußischen Koalition gehörigen Staaten. Sie versuchten Soltikov zu weiteren Handlungen zu überzeugen, meinten, dass er sich mit seiner Armee mindestens den österreichischen Hauptkräften (d.h. dem in der Lausitz operierenden Daun) anschließen solle. Der russische Befehlshaber wollte das aber nicht tun, weil dies wahrscheinlich eine dritte Schlacht bedeutet hätte, die er im Hinblick auf den Munitionsmangel zu vermeiden suchte. Außerdem war die tief ins feindliche Gebiet eingedrungene russische Armee nicht im Stande, ihre Verluste zu ersetzen - die Schlachten bei Kay und Kunersdorf reduzierten sie ja um ein Viertel ihres anfänglichen Bestandes. So erwartete Soltikov, dass die Österreicher nach der gewonnenen Schlacht ein größeres Risiko eingehen werden und sich selbst ins Herz Preußens hineinwagen. Es waren aber vergebliche Hoffnungen. Zurückblickend kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verbündeten sich dessen nicht bewusst waren, in welch einer schweren Lage sich ihr Gegner zu dieser Zeit befand.

 

Friedrich II. erhielt inzwischen die Nachricht vom russischen Übergang auf das westliche Oderufer. In der Nacht auf den 16. August brach er das Lager ab und ging mit der Armee nach Madlitz (heute Alt-Madlitz), wo er sich erneut verschanzte. Da feindliche leichte Formationen vor dem neuen Lager erschienen, entschied sich der König, der seine Armee weiter für nicht kampffähig hielt, nach Fürstenwalde zu gehen, wo er weitere 12 Tage, ohne von dem Feind belästigt zu werden, verbringen konnte. Mittlerweile konnte er durch das Heranziehen der früher entsendeten Einheiten die Armee auf einen Stand von 33 Tsd. Soldaten bringen und mit den aus Berlin zugeführten Geschützen versehen. Er fing sogar an, die ersten Detachements auszusenden, um die am meisten gefährdeten Korps in anderen Provinzen zu verstärken. Er wartete aber weiterhin nervös auf die Verbindung der österreichischen Hauptkräfte mit den Russen und den gemeinsamen Marsch der Verbündeten auf Berlin. Als es nicht geschah, schrieb er an seinen Bruder Heinrich, das glücklicherweise eingetretene Versäumnis der Verbündeten sei für das Haus Brandenburg ein „wahres Mirakel”.

 

Tatsächlich verpassten die Verbündeten eine Gelegenheit, die sich nicht mehr wiederholen sollte – die Zeit arbeitete von nun an für den preußischen König, der den Tod der Kaiserin Elisabeth und den Übergang der Russen auf seine Seite abwarten konnte. So war es ihm beschieden, den Krieg bis zum siegreichen Ende durchzuführen, obwohl er noch 4 Jahre darauf warten musste. Sein Königreich wurde damit zu einem unumstrittenen Mitglied des exklusiven Klubs von Großmächten.




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